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Kart: Rafael Baltzer hat unverschuldeten Unfall in Les Mans

Gerbracht Ralf 05.09.2019
Ein Unfall, der die Eltern zweifeln lässt
Der Ennepetaler Kartfahrer Rafael Baltzer hat in Le Mans viel Glück, das nichts Schlimmeres passiert
Direkt nach dem Unfall schickt Rafael Baltzer aus Ennepetal den Streckenposten weg und will wieder in sein Kart steigen.                                              <b>Verein</b>
Direkt nach dem Unfall schickt Rafael Baltzer aus Ennepetal den Streckenposten weg und will wieder in sein Kart steigen. Verein
Fabian Vogel

Ennepetal/Les Mans Mit Druck im Fuß tritt der elfjährige Rafael Baltzer noch einmal auf das Gas, auf der Zielgerade möchte der Kartfahrer aus Ennepetal richtig Schwung holen, bevor es mit knapp 80 km/h in die Linkskurve geht. Es geht schließlich um jede Sekunde. Es gilt, nichts zu liegen lassen bei diesem Qualifikationslauf auf der Kartpiste der legendären Rennstrecke im französischen Le Mans. Als er den Fuß vom Gas nimmt, beachtet ihn ein anderer Fahrer nicht, er missachtet aus der Box kommend die Vorfahrt von Baltzer. Baltzer touchiert, das Kart steht auf zwei Reifen, der Ennepetaler kann sich gerade eben noch im Kart halten – nur mit viel Glück bleibt er unverletzt.

Es ist der Moment, in dem Mutter Isabel ins Grübeln kommt. „Da habe ich vor Augen geführt bekommen, wie schnell es gehen kann”, sagt sie. Als ihr Sohn, nach dem er den Streckenposten, der ihm helfen wollte, nach dem er zum Stillstand kam, wegschickt, steigt Rafael Baltzer wieder in sein Kart. Er will weiter fahren, doch das Kart ist zu beschädigt, an daran ist nicht zu denken. Rafael steigt aus, er wirkt sauer. Als ihn die Sanitäter in der Folge in Empfang nehmen und erst einmal untersuchen, ist das zu viel für Mutter Isabel.

Mutter wird schwarz vor Augen

Ihr wird schwarz vor Augen, sie bricht zusammen. Am Ende bleiben beide unversorgt. Doch nachhaltig gestört bleibt das Verhältnis von Mutter Isabel zur großen Leidenschaft der Familie. Denn neben den körperlichen Folgen die dieser Unfall hätte nehmen können, hat das Fast-Unglück vor allem mentale Konsequenzen bei der besonderen Motorsportfamilie. Vater Markus, für die Mechanik am Kart zuständig, verfällt in große Zweifel, denn das Chassis des Gefährts ist nach dem Unfall vollkommen hinüber. „Ich habe gedacht: Wie soll ich das alleine hinkriegen?”, erinnert er sich. Doch er ist nicht allein – denn in Le Mans starten gleich sechs verschiedene Altersklassen, allein in der Micro-Klasse in der Rafael Baltzer fährt, sind 32 Fahrer aus aller Herren Länder mit dabei.

Darunter sind natürlich auch einige andere deutsche Starter, die von dem Unglück der Familie Wind bekommen und schnell mit Rat, Tat und Werkzeug zur Seite stehen. „Ohne diese Hilfe”, sagt Markus Baltzer, „hätten wir eingepackt und wären nach Hause gefahren.” Doch während einige der Helfer die festen Termine im Rahmen der Rennwoche in Le Mans mit Sohn Rafael übernehmen, schraubt Vater Markus mit seinen Unterstützern am Kart.

Chassis wird per Hand gerichtet

Das Chassis, das die Familie selbst stellt, ist vollkommen verzogen. „Andere Teams haben immer ein zweites Chassis dabei”, erklärt Isabel Baltzer. Ihr Team aber nicht, denn schließlich ist so ein Kart auch immer eine Frage der Kosten, andere Teams haben größere finanzielle Möglichkeiten. „Die haben dann einen Mechaniker, einen Teamchef und so weiter. Das haben wir eben nicht, wir machen alles selbst”, berichtet Mutter Isabel.

Der Stolz darüber ist ihr anzusehen. Dieser besondere Zusammenhalt der Familie scheint auch die anderen Teams beeindruckt zu haben – anders ist die immense Unterstützung nicht zu erklären. Bis tief in die Nacht schraubt Markus Baltzer mit seinen Helfern am Kart. Während die meisten anderen Garagen um diese Zeit bereits verlassen sind, brennt in der der Familie Baltzer noch das Licht.

„Am Ende haben wir das Kart auf alte Schule gerichtet”, sagt der Vater und lacht. Das Kart wird per Auge und mit viel Fingerarbeit wieder gerichtet. Bei der nächsten Testfahrt gibt es grünes Licht vom Sohn. „Es ist nicht mehr mein Kart, fährt aber einwandfrei”, sagt der Elfjährige.

Erneute Rückschläge in der Quali

Im der Qualifikation gibt es erneut Rückschläge – eine Zeitstrafe aber auch taktische Fehler von Rafael verhindern dabei bessere Platzierungen. Dennoch verkauft er sich, wenn er sich gut bei seinem ersten Start gegen die internationale Konkurrenz. Diese nimmt bei den Rennen bei Weitem nicht so viel Rücksicht wie in Deutschland, auch das ist eine Erkenntnis in Frankreich.

Eine weitere ist die, dass es ohne Unterstützung nicht geht – auch wenn der Zusammenhalt untereinander sehr groß ist. Auch in Le Mans fiel Mutter Isabel, die leidenschaftlich und laut am Streckenrand unterstützt, auf. Unüberhörbar schreit sie ihren Sohn nach vorn, aber auch die anderen Fahrer werden unterstützt. „Die blöden Blicke sind mir egal”, sagt die Mutter. Sie wird auch Mitte September wieder an der Piste stehen, wenn Sohn Rafael das Ticket für das Weltfinale im italienischen Sarno einfahren kann.

Westfalenpost/Westfälische Rundschau, Ausgabe Donnerstag 5. September 2019 "Der lokale Sport"